PIAAC 2023: Jeder fünfte Erwachsene in Deutschland nur gering kompetent

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Rund jeder fünfte Erwachsene in Deutschland verfügt nur über geringe Lese- und alltagsmathematische Kompetenzen sowie geringe Fähigkeiten im adaptiven Problemlösen. Das geht aus der zweiten Erhebung der OECD-Studie PIAAC hervor, deren Ergebnisse am 10. Dezember 2024 vorgestellt wurden. Insgesamt liegen Erwachsene in Deutschland im internationalen Vergleich allerdings über dem Durchschnitt.

Stabil im Mittel, aber die Kluft wächst

Die Studie PIAAC (Programme for the International Assessment of Adult Competencies), auch als „Erwachsenen-PISA“ bezeichnet, erfasst im Auftrag der OECD alle zehn Jahre die Alltagsfähigkeiten von Erwachsenen im Alter von 16 bis 65 Jahren. Nach Angaben des Bundesministeriums für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) nahmen an der aktuellen Runde 31 Länder teil; weltweit wurden rund 160.000 Personen befragt und getestet. In Deutschland ist das BMFTR federführend, unter Beteiligung des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales; das nationale Projektmanagement liegt beim GESIS – Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften. Die deutsche Stichprobe umfasste laut Deutschem Volkshochschul-Verband (DVV) rund 4.800 Personen, die Erhebung lief zwischen September 2022 und Juli 2023.

Wie das BMFTR mitteilte, schneiden Erwachsene in Deutschland in allen drei untersuchten Bereichen – Lesen, Alltagsmathematik und adaptives Problemlösen – signifikant über dem OECD-Durchschnitt ab. Die mittleren Kompetenzen blieben im Vergleich zum ersten PIAAC-Zyklus von 2012 weitgehend stabil. Allerdings ist die Heterogenität in der Bevölkerung über die vergangene Dekade leicht gestiegen: Die Kluft zwischen hoch und gering gebildeten Erwachsenen hat sich vergrößert, wie auch der DVV in seiner Stellungnahme festhält.

Die rund 20 Prozent der Erwachsenen mit sehr geringen Grundkompetenzen – nach Berechnungen auf Basis der Studiendaten etwa 10,6 Millionen Menschen – können der Studie zufolge auch sehr einfachen Hinweistexten kaum Informationen entnehmen, haben Schwierigkeiten beim Vergleich von Preisen oder beim Zurechtfinden in spontan wechselnden Alltagssituationen. Die Studie belegt zudem eine anhaltend starke Koppelung zwischen der sozialen Herkunft und den erreichten Grundkompetenzen.

Die Domäne „adaptives Problemlösen“ wurde im aktuellen Zyklus erstmals vergleichend erhoben. Sie misst die Fähigkeit, in dynamischen, digitalen Umgebungen Pläne zu entwickeln und anzupassen – etwa beim Umgang mit veränderlichen Informationen in Online-Systemen. Auch hier erreicht Deutschland nach BMFTR-Angaben Werte über dem OECD-Durchschnitt; der Anteil gering Kompetenter liegt jedoch ebenfalls bei rund einem Fünftel der Erwachsenen.

Dass der Anteil geringer Grundkompetenzen seit Jahren nahezu unverändert ist, belegen auch die Einordnungen im Umfeld der Nationalen Dekade für Alphabetisierung und Grundbildung (AlphaDekade), die die Daten von PIAAC mit denen der bundesweiten LEO-Studie vergleicht: Bei den Schreib- und Lesekompetenzen stagniert der Anteil betroffener Erwachsener demnach bei etwa 20 Prozent.

Fachkräftemangel erhöht die Anforderungen

Die OECD hebt in ihrem internationalen Bericht hervor, dass Grundkompetenzen im Erwachsenenalter eng mit dem Verbleib im Erwerbsleben, der Gesundheit und dem bürgerschaftlichen Engagement zusammenhängen. Länder mit höherem durchschnittlichem Kompetenzniveau zeigten demnach eine höhere Erwerbsbeteiligung; Personen mit geringen Grundfertigkeiten seien dagegen deutlich häufiger von Arbeitslosigkeit oder atypischen Beschäftigungsverhältnissen betroffen. Auch in Deutschland zeige sich dieser Zusammenhang deutlich, so das BMFTR.

Die Befunde treffen auf einen Arbeitsmarkt im Umbruch. Der demografische Wandel verschärft nach Einschätzung des DVV den Fachkräftemangel; damit steigen die Anforderungen an die Kompetenzen älterer Erwerbstätiger und an zugewanderte Menschen mit geringen Deutschkenntnissen, die auf dem Arbeitsmarkt dringend benötigt werden. Der technologische Wandel mache die Tätigkeiten am Arbeitsplatz zusätzlich anspruchsvoller. Berufsspezifische Kenntnisse seien ohne grundlegende Lese- und Rechenkompetenzen sowie Problemlösefähigkeiten kaum zu erlangen, heißt es in der Stellungnahme des Dachverbands. Grundlegende Fertigkeiten seien darüber hinaus für die selbstbestimmte Teilhabe am gesellschaftlichen Alltag unverzichtbar.

Für das Weiterbildungssystem hat das nach Ansicht der Fachwelt unmittelbare Konsequenzen: Betriebliche Qualifizierungsangebote setzen bei den Betroffenen später an als bei anderen Beschäftigten – ohne Grundbildungsangebote drohen sie vom Fortschritt abgekoppelt zu werden. Auch die jüngsten Weiterbildungsdaten zeigen, dass sich Betriebe zuletzt eher zurückgezogen haben, während die individuelle Teilnahme an Weiterbildung auf hohem Niveau verharrt.

DVV fordert Fortsetzung der AlphaDekade

Der Deutsche Volkshochschul-Verband fordert angesichts der Daten eine Fortsetzung der Nationalen Dekade für Alphabetisierung und Grundbildung. „Die nun vorliegenden PIAAC-Daten weisen deutlich auf einen steigenden Bedarf an nachholender Alphabetisierung und Grundbildung hin“, sagte DVV-Vorsitzender Martin Rabanus laut der Verbandsmeldung. Es sei unerlässlich, diesen Bedarf dauerhaft und stabil abzudecken: Förderprogramme müssten besser abgestimmt, Träger ausreichend unterstützt und die aufgebauten Bildungsstrukturen gestärkt werden. „Die AlphaDekade muss fortgesetzt werden, ohne Lücke“, so Rabanus.

Auch das BMFTR betonte in seiner Mitteilung die Bedeutung der Grundkompetenzen: Sie seien wichtig für gesellschaftliche Teilhabe und Beschäftigungsfähigkeit. Der nationale PIAAC-Ergebnisbericht ist am 10. Dezember 2024 im Waxmann Verlag erschienen; die Daten stehen über das GESIS – Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften der Wissenschaft zur Auswertung zur Verfügung.

Für Bildungsträger und Volkshochschulen dürften die Ergebnisse die Programmplanung der kommenden Jahre prägen. Angesichts von rund 10,6 Millionen Erwachsenen mit geringen Grundkompetenzen bleibt die Grundbildung nach Einschätzung der Verbände eine der zentralen Aufgaben der Erwachsenenbildung – auch weil sich der Bedarf durch die aktuelle Erhebung erstmals seit einem Jahrzehnt wieder verlässlich beziffern lässt.

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Sabine Hoffmann
Sabine Hoffmann

Coach für persönliche Entwicklung. Unterstützt Leser mit Artikeln zu Selbstvertrauen, Resilienz und Coaching-Methoden.