BAföG-Statistik 2024: Nur noch 613.000 Geförderte – niedrigster Stand seit 25 Jahren

0
(0)

Die Zahl der BAföG-Geförderten in Deutschland ist im Jahr 2024 weiter gesunken. Wie das Statistische Bundesamt (Destatis) in Wiesbaden mitteilte, erhielten rund 613.000 Schülerinnen und Schüler sowie Studierende monatliche Leistungen nach dem Bundesausbildungsförderungsgesetz. Das waren vier Prozent weniger als im Vorjahr – und der niedrigste Wert seit rund 25 Jahren. Im Durchschnitt erhielten die Geförderten 635 Euro im Monat.

Damit setzt sich ein Abwärtstrend fort, der das klassische BAföG zunehmend an den Rand der Ausbildungsfinanzierung drängt. Zum Vergleich: Noch im Jahr 2012 wurden mehr als 900.000 Personen nach dem BAföG gefördert. Seitdem ist die Zahl fast durchgehend gesunken – trotz mehrerer Reformen, mit denen der Bund die Förderung attraktiver machen wollte. Zuletzt hatte der Bundestag 2024 eine weitere Anhebung der Bedarfssätze beschlossen. Danach liegt der Höchstsatz für Studierende, die nicht mehr bei den Eltern wohnen, bei 992 Euro im Monat – inklusive der Zuschläge zur Kranken- und Pflegeversicherung, die für Studierende ohne Familienversicherung vorgesehen sind.

Auch die Schülerförderung blieb von dem Rückgang nicht verschont: Wie aus der Statistik hervorgeht, sank die Zahl der geförderten Schülerinnen und Schüler ebenfalls, während die Studierenden den größten Teil der Förderempfänger stellen. Insgesamt flossen im Berichtsjahr rund 4,7 Milliarden Euro an Fördermitteln von Bund und Ländern in die Ausbildungsförderung – ein Wert, der trotz der gesunkenen Empfängerzahl wegen der höheren Sätze nahezu stabil geblieben ist.

Weniger Geförderte trotz höherer Sätze

Der scheinbare Widerspruch zwischen steigenden Fördersätzen und sinkenden Empfängerzahlen hat mehrere Ursachen, die sich in der amtlichen Statistik widerspiegeln. Zum einen schrumpft die Zahl der potenziell förderfähigen Personen: Wie Destatis zuvor meldete, waren im Wintersemester 2025/26 rund 2,88 Millionen Studierende eingeschrieben – ein Rückgang gegenüber dem Vorjahr, vor allem an Universitäten. Weniger Studierende bedeuten zwangsläufig weniger BAföG-Anträge. Die demografische Entwicklung verstärkt diesen Effekt zusätzlich: Die Jahrgänge, die in diesen Jahren ihr Studium beginnen, sind kleiner als die der vergangenen Dekade.

Zum anderen hängt die individuelle Förderhöhe stark vom Einkommen der Eltern und der eigenen Unterbringung ab. Das Statistische Bundesamt weist ausdrücklich darauf hin, dass besuchte Schulform, Wohnsituation und Elterneinkommen den Betrag bestimmen. Steigen die Elterneinkommen nominal mit den Löhnen, rutschen Familien schrittweise aus der Förderung heraus, ohne dass sich ihre reale Lebenssituation verbessert hätte – die Einkommensfreigrenzen ziehen nicht automatisch mit. Bildungsforscher bezeichnen diesen Effekt als schleichende Entwertung der Anspruchsberechtigung.

Hinzu kommt ein struktureller Effekt: Immer mehr Auszubildende nutzen Alternativen zur klassischen Förderung. Für berufliche Fortbildungen greift das Aufstiegs-BAföG, dessen Reform jüngst höhere Fördersätze beschlossen hat. Studierende wählen zudem häufiger Studienkredite oder finanzieren sich über Nebenjobs – ein Muster, das Bildungsforscher seit Jahren beobachten. Auch Stipendienprogramme der Begabtenförderungswerke und der Länder haben an Bedeutung gewonnen, erreichen aber nur einen Bruchteil der Studierenden.

Nicht zuletzt spielt die Altersstruktur hinein: Der Anteil älterer Studierender, die oft schon eigenes Einkommen oder eine Familie haben und deshalb seltener förderfähig sind, steigt seit Jahren. Wer neben dem Studium arbeitet, verdient in vielen Fällen mehr, als die Anrechnungsfreigrenzen erlauben – und verliert damit den Anspruch ganz oder teilweise. Hinzu kommt, dass Studierende im zweiten Bildungsweg oder mit abgeschlossener Erstausbildung ohnehin nur eingeschränkt förderfähig sind.

Was die Zahlen für die Bildungsfinanzierung bedeuten

Für Hochschulen und Ausbildungsstätten bleibt die Entwicklung ein Warnsignal. Die durchschnittliche Förderung von 635 Euro im Monat liegt deutlich unter dem, was Studierende laut Bedarfsermittlung tatsächlich benötigen – allein die Lebenshaltungskosten in Universitätsstädten übersteigen diesen Betrag in vielen Fällen, die Mieten in Großstädten nicht selten um ein Vielfaches. Wer keinen Anspruch mehr hat oder den Antrag scheut, muss die Lücke anderweitig schließen – meist über Erwerbsarbeit, die wiederum die Studienzeit verlängern kann. Studien des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung zeigen seit Jahren, dass mehr als die Hälfte der Studierenden neben dem Studium erwerbstätig ist.

Bildungspolitische Beobachter verweisen in diesem Zusammenhang regelmäßig auf die Bürokratie des Antragsverfahrens. Zwischen dem Einstellen der Unterlagen, der Prüfung der Einkommensverhältnisse und der Bewilligung vergehen häufig Monate – Zeit, in der Studierende ohne Rückhalt auskommen müssen. Die Einführung digitaler Antragswege in vielen Bundesländern soll das Verfahren beschleunigen, hat den Rückgang der Gefördertenzahlen bislang jedoch nicht gebremst. Hinzu kommt die Unsicherheit vieler Familien darüber, ob sich ein Antrag überhaupt lohnt: Gerade Haushalte mit mittleren Einkommen schätzen ihre Chancen oft falsch ein und verzichten von vornherein.

Ein weiterer Punkt ist die Darlehensstruktur: Die Hälfte der Förderung ist grundsätzlich als zinsloses Darlehen zurückzuzahlen. Diese Rückzahlungspflicht schreckt nach Einschätzung von Studierendenwerken vor allem Familien ohne akademischen Hintergrund ab – also genau die Gruppe, für die das BAföG einst geschaffen wurde. Wer aus einem Elternhaus ohne Hochschulerfahrung kommt, entscheidet sich häufiger für ein duales Studium oder eine betriebliche Ausbildung mit festem Gehalt.

Der Rückgang auf 613.000 Geförderte markiert damit keinen Einzelbefund, sondern die Fortsetzung einer langfristigen Entwicklung: Von der sogenannten Elternfinanzierung des Studiums weg hin zu einem Flickenteppich aus staatlicher Förderung, Krediten und Erwerbsarbeit. Ob die angekündigten Erhöhungen der Bedarfssätze und Freigrenzen den Trend umkehren können, wird sich frühestens mit der Statistik des kommenden Jahres zeigen. Bis dahin bleibt das BAföG ein Instrument, das deutlich weniger junge Menschen erreicht, als es könnte – und die Zahlen des Statistischen Bundesamts sprechen dabei eine klare Sprache.

Quellen

Wie hilfreich war dieser Beitrag?

Klicke auf die Sterne um zu bewerten!

Durchschnittliche Bewertung 0 / 5. Anzahl Bewertungen: 0

Bisher keine Bewertungen! Sei der Erste, der diesen Beitrag bewertet.

Es tut uns leid, dass der Beitrag für dich nicht hilfreich war!

Lasse uns diesen Beitrag verbessern!

Wie können wir diesen Beitrag verbessern?

Daniel Weber
Daniel Weber

Pädagoge mit Schwerpunkt Erwachsenenbildung. Schreibt über lebenslanges Lernen und effektive Lehrmethoden.